Lübbert R. Haneborger

Oldersum ist ein Sieldorf am Ems-Ufer, ein paar hundert Haushalte, ein Hafen, eine Werft, und in den Büchern von Lübbert R. Haneborger der Schauplatz einer der ungewöhnlichsten Krimireihen, die Ostfriesland zu bieten hat. Echte Oldersumer heißt die Serie, ihre Helden sind die diebischen Werftarbeiter Joke und Harm, und die Gattungsbezeichnung sagt alles: Kriminalgrotesken. Wer Ostfriesenkrimis nur als Serienware mit Kommissar und Leiche kennt, lernt hier eine ganz andere Spielart kennen.

Echte Oldersumer: Kriminalgrotesken statt klassischer Ostfrieslandkrimi

Drei Bände umfasst die Reihe bislang. Der erste versammelt sechs Kriminalgrotesken aus Ostfriesland, in denen Joke und Harm ermitteln, obwohl sie selbst diebische Werftarbeiter sind, eine Konstellation, die das übliche Personal des Regionalkrimis auf den Kopf stellt. In Echte Oldersumer II sind die beiden nicht zu fassen, sieben neue Grotesken, in Echte Oldersumer III stehen sie unter Strom, wieder sieben Geschichten. Die Groteske ist eine alte, ehrwürdige Form: Sie übertreibt, verzerrt und entlarvt, und sie passt erstaunlich gut nach Ostfriesland, wo der Humor traditionell trocken serviert wird und die Pointe gern erst nach einer Gedenksekunde zündet. Dass die Helden Handwerker von der Werft sind und keine Ermittler mit Dienstausweis, erdet die Geschichten zusätzlich im echten Dorfleben, dort, wo man sich beim Vornamen kennt und jeder Diebstahl auch eine soziale Angelegenheit ist.

Die Reihe im Überblick

  • Echte Oldersumer: sechs Kriminalgrotesken mit Joke und Harm
  • Echte Oldersumer II: sieben neue Kriminalgrotesken
  • Echte Oldersumer III: sieben weitere Grotesken, Joke und Harm unter Strom

Up Platt: Utflücht an de Küst

Noch näher an die Region rückt Haneborger mit Utflücht an de Küst, neuen Vertellsels up Platt aus dem Ostfriesland von heute. Plattdeutsche Kurzgeschichten sind eine Rarität im Buchhandel und ein Geschenk für alle, die mit der Sprache aufgewachsen sind oder sie sich zurückerobern wollen. Der Untertitel betont das Gegenwärtige, es geht nicht um nostalgische Döntjes aus der guten alten Zeit, sondern um Erzählungen aus dem heutigen Ostfriesland in seiner eigenen Sprache. Wer Platt versteht, weiß, dass manche Dinge sich hochdeutsch schlicht nicht sagen lassen, der Tonfall, die Untertreibung, die eingebaute Ironie gehen bei der Übersetzung verloren. Literatur, die das ernst nimmt, leistet nebenbei Sprachpflege, ohne je nach Lehrbuch zu klingen.

Das übrige Werkverzeichnis zeigt, dass hinter den Grotesken ein Autor mit literaturwissenschaftlichem Hintergrund steht: Eine Studie zum Prosa-Spätwerk von Max Frisch, zu Montauk, Der Mensch erscheint im Holozän und Blaubart, sowie ein Studienbuch Germanistik gehören ebenfalls dazu. Das erklärt womöglich die Formbewusstheit der Oldersumer Geschichten. Wer sich wissenschaftlich mit Erzählformen beschäftigt hat, wählt die Groteske nicht zufällig, sondern weil sie das passende Werkzeug für den Stoff ist.

Für Leser von Ostfrieslandkrimis sind die Echten Oldersumer eine willkommene Abwechslung vom Reihenbetrieb: kurze Formen, schräge Helden, ein realer, unverbrauchter Schauplatz abseits der Inseln und Touristenorte, dazu die Möglichkeit, mit den plattdeutschen Vertellsels gleich noch die Sprache der Region mitzulesen. Oldersum stand bisher auf keiner Krimikarte Ostfrieslands, seit Joke und Harm ihr Unwesen treiben, hat sich das geändert. Wer dem Genre eine humoristische Seitentür öffnen will, findet hier den Eingang.

Bücher von Lübbert R. Haneborger