Jörg Echternkamp

Langeoog ist der wohl meistgenutzte Krimi-Schauplatz unter den ostfriesischen Inseln, aber Jörg Echternkamp erzählt die wahre Geschichte der Insel. Sein zweibändiges Werk trägt den programmatischen Titel Langeoog, Biographie einer deutschen Insel: Band 1 behandelt das Nordseebad zwischen Monarchie und Republik, Band 2 widmet sich Tourismus und Nationalsozialismus in den Jahren 1933 bis 1939. Wer die Insel aus Ostfrieslandkrimis kennt, bekommt hier das historische Fundament nachgeliefert.

Eine Insel als Biographie

Der Ansatz, einer Insel eine Biographie zu schreiben, ist bemerkenswert. Er behandelt Langeoog nicht als Kulisse, sondern als Hauptfigur mit Lebenslauf: Kindheit als bescheidenes Seebad der Kaiserzeit, Erwachsenwerden in den Umbrüchen der Weimarer Republik, dann die dunklen Jahre, in denen auch der Badebetrieb an der Nordsee dem Nationalsozialismus nicht entkam. Dass Band 2 ausgerechnet die Verbindung von Tourismus und Nationalsozialismus untersucht, ist die eigentliche Pointe des Werks. Urlaub wirkt wie das Unpolitischste überhaupt, Strandkorb, Wattwanderung, Kurkonzert, und gerade deshalb ist die Frage so aufschlussreich, wie sich Fremdenverkehr, Bäderkultur und Ideologie zwischen 1933 und 1939 verschränkten. Die Nordseebäder waren Sehnsuchtsorte, und Sehnsuchtsorte sind nie unpolitisch gewesen.

Das Werk im Überblick

  • Band 1: Das Nordseebad zwischen Monarchie und Republik
  • Band 2: Tourismus und Nationalsozialismus, 1933 bis 1939

Warum Krimileser hier weiterlesen sollten

Auf den ersten Blick liegt zwischen einer historischen Inselstudie und einem Ostfrieslandkrimi eine ganze Bibliothek. Auf den zweiten nicht. Regionalkrimis leben von der Behauptung, ihren Schauplatz zu kennen, und viele Leser entwickeln über die Romane eine echte Bindung an die Orte. Wer zum wiederholten Mal einen Inselkrimi liest, in dem der Fähranleger, die Dorfstraße oder das Kurhaus vorkommen, stellt irgendwann die naheliegende Frage: Wie wurde dieser Ort eigentlich, was er ist? Echternkamps Bände beantworten sie für Langeoog gründlich, quellengestützt und mit dem langen Atem der Geschichtsschreibung. Das Seebad, durch das die fiktiven Kommissare heutiger Reihen spazieren, hat eine Vergangenheit mit Brüchen, und wer sie kennt, liest selbst die leichteste Inselunterhaltung mit anderem Blick.

Als Ostfriese schätze ich an solchen Arbeiten noch etwas anderes: Sie nehmen die Region als Gegenstand ernsthafter Forschung ernst. Ostfriesland und seine Inseln tauchen in der überregionalen Wahrnehmung gern als Idyll oder als Kuriosum auf, als Land der Teetrinker und Deichschafe. Eine Studie, die am Beispiel Langeoogs Monarchie, Republik und Diktatur durchdekliniert, zeigt dagegen, dass sich an diesem schmalen Sandstreifen deutsche Geschichte im Kleinen ablesen lässt, mit allem, was dazugehört. Das ist unbequemer als jede Postkarte und gerade deshalb wertvoll.

Über den Autor hinaus, der hier mit diesem Werk verzeichnet ist, erspare ich mir Mutmaßungen. Die beiden Bände sprechen für sich: eine Inselgeschichte, die vom Kaiserreich bis an den Vorabend des Zweiten Weltkriegs reicht und dabei das Wechselspiel von Badeleben und Zeitgeschichte ausleuchtet. Wer Langeoog nur als Tatort aus Ostfrieslandkrimis kennt, findet hier den Stoff, der hinter der Kulisse liegt, und wer die Insel liebt, ohnehin.

Bücher von Jörg Echternkamp